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Produktives Lernen - kurz gefasst
Entstehung
und Verbreitung Produktiven Lernens
Produktives Lernen ist eine Bildungsform, die das traditionelle
schulische Lernen in den letzten Schuljahren der allgemein bildenden
Schule ersetzt. Diese Bildungsform wird seit über 20 Jahren
kontinuierlich weiterentwickelt, um den zunehmenden Gegensätzen
und Konflikten zwischen dem Schulunterricht in der Sekundarstufe
und den Bildungsbedürfnissen und -interessen von Schüler/inne/n
zu begegnen. Gemeinsam mit anderen haben Dipl.-Päd. Ingrid
Böhm und Professor Dr. Jens Schneider von 1987 bis 1991
im Pilotprojekt "Die Stadt-als-Schule Berlin" die
Grundlagen des Produktiven Lernens geschaffen und erprobt.
Ab 1996 wurde das Produktive Lernen
als Schulversuch an 12 Berliner Schulen mit großem Erfolg
durchgeführt, wo es seit dem Schuljahr 04/05 als reguläres Bildungsangebot besteht.
Im Schuljahr 02/03 folgten Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit der Einführung von Produktivem Lernen, Mecklenburg-Vorpommern bietet es
seit dem Schuljahr 05/06 an und Sachsen seit dem Schuljahr 09/10. |
Die
theoretische Grundlage des Produktiven Lernens
Der Grundgedanke der Bildungsform Produktives Lernen
ist die Entwicklung des Bildungsprozesses aus der produktiven
Tätigkeit in "gesellschaftlichen Ernstsituationen".
Im Produktiven Lernen wird das fachliche
und kulturelle Wissen als Werkzeug angesehen, als ein Hilfsmittel
für die Tätigkeit in der Praxis, insbesondere im Berufsleben.
Die PL-Schüler/innen sind drei Monate lang an drei Tagen
pro Woche in einer individuell gewählten Praxis tätig:
in einer Tischlerei, in einem Gemüsegeschäft, bei
einer Zeitung, in einem Krankenhaus, bei Amnesty International,
beim Fernsehen oder wo sonst etwas gesellschaftlich "Ernstes"
geschieht. Gemeinsam mit den sie beratenden Pädagog/inn/en
gestalten die Jugendlichen Individuelle Curricula auf
der Basis ihrer Tätigkeitserfahrungen; so können die
individuellen Bildungsbedürfnisse der Jugendlichen optimal
berücksichtigt werden. Jede/r Schüler/in des Produktiven Lernens erhält
eine Stunde Individuelle Bildungsberatung pro Woche.
Produktives Lernen bietet durch diese Form von Allgemeinbildung
zugleich eine individualisierte, praxisbezogene und deshalb
äußerst erfolgreiche Berufsorientierung. |
Bildungsziele
und Curriculum
Ausgehend von den in deutschen und europäischen Schulgesetzen
überall ähnlich formulierten pädagogischen Zielen
hat das Institut drei Bildungsziele des Produktiven Lernens
formuliert und ausdifferenziert; dabei wird eine größtmögliche
Partizipation der Lernenden an ihrem Bildungsprozess angestrebt.
Durch diese Partizipation wird die lernende Person vom Objekt
zum Subjekt ihres Bildungsprozesses. Auf der Basis der Bildungsziele
hat das IPLE gemeinsam mit den Pädagog/inn/en aus
den Berliner Schulversuchen sowie drei außerschulischen
Bildungsprojekten einen Curriculum-Rahmen entwickelt,
innerhalb dessen die Schüler/innen mit Unterstützung
der Pädagog/inn/en Individuelle Curricula entwickeln.
Mit dem Produktiven Lernen können je nach Bundesland
verschiedene Abschlüsse der Sekundarstufe I erreicht werden,
in Berlin beispielsweise der Hauptschulabschluss, der erweiterte
Hauptschulabschluss oder der mittlere Schulabschluss. |
Bildungsteile
(Curriculumelemente) und Methodik
Im umfangreichsten Curriculumelement, dem Lernen in der
Praxis, wählen die Schüler/innen dreimal im
Schuljahr einen Praxisplatz in Betrieben sowie in sozialen,
kulturellen oder politischen Einrichtungen, an dem sie wöchentlich
17 Stunden tätig sind und zugleich ihre Tätigkeit
erkunden, hinterfragen und reflektieren. In der Kommunikationsgruppe
tauschen die Schüler/innen in fünf Stunden pro Woche
die gewonnenen Erfahrungen aus, bereiten weitere Tätigkeiten,
Beobachtungen und Recherchen vor und reflektieren und verarbeiten
die gewonnenen Erfahrungen. Dies geschieht insbesondere in
der Lernwerkstatt, die den traditionellen Klassenraum ersetzt.
Nur acht Wochenstunden sind fachbezogen, sollen aber gleichfalls
mit den praktischen Erfahrungen in Verbindung stehen: Deutsch,
Englisch und Mathematik im Produktiven Lernen sowie
die epochal behandelten Lernbereiche Mensch und Kultur,
Gesellschaft und Wirtschaft und Natur und Technik.
Je nach Bundesland werden auch Fächer wie Kunst und Musik,
Sport, Ethik/Religion oder ein Wahlpflichtfach in das fachbezogene
Lernen integriert. Neben dem Curriculum-Rahmen wurde
eine ausdifferenzierte Methodik des Produktiven Lernens
entwickelt, zu der Methoden des Individuellen Lernens,
der Individuellen Bildungsberatung, der Gruppenarbeit
und des internationalen Lernens gehören.

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Erfolge
des Produktiven Lernens
Die Erfolge des Produktiven Lernens beweisen die Angemessenheit
des Bildungsparadigmas sowie der Methodik für den sich
beschleunigenden gesellschaftlichen Wandel: Hohe Abschlussquoten
und hohe Übergangsquoten in Berufsausbildung und Berufstätigkeit,
und zwar von Schüler/inne/n, denen weitgehend ein Scheitern
ihrer Schulkarriere prognostiziert wurde, machen deutlich, dass
Produktives Lernen nicht nur theoretisch plausibel, sondern
auch praktikabel und erfolgreich ist. Ein Nebenprodukt dieser
Pädagogik ist die Tatsache, dass in vielen Jahren der pädagogischen
Arbeit im Produktiven Lernen wenig Aggressivität,
Fremdenfeindlichkeit und Vandalismus beobachtet wurden. |
International
Network of Productive Learning Projects and Schools (INEPS)
Produktives Lernen ist wesentlich internationales und
interkulturelles Lernen. Im International Network of Productive
Learning Projects and Schools (INEPS) haben sich Schulen
und außerschulische Einrichtungen aus verschiedenen europäischen
und außereuropäischen Ländern versammelt, tauschen
regelmäßig in Seminaren und Konferenzen ihre Erfahrungen
aus und führen Jugendkongresse sowie Austauschprogramme
für Schüler/innen und Pädagog/inn/en durch. Die
gemeinsame Methodik und insbesondere die Praxis der Schüler/innen
bilden die Brücke, die es ermöglicht,
Sprachschwierigkeiten und kulturelle Barrieren zu überwinden
oder zu kompensieren. Die Schüler/innen können mit
einer im Inland gewonnenen praktischen und fachlichen Sicherheit
ihr Lernen im Ausland fortsetzen. (Siehe auch Internationales
Lernen) |
Begleitung der Einführung Produktiven Lernens durch
das IPLE
Die Einführung von Produktivem Lernen ist nur möglich,
wenn der Innovationsprozess durch die Pädagog/inn/en und
Schüler/innen selbst getragen, konzipiert und evaluiert
wird. Das IPLE berät die einzelnen innovativen Projekte,
unterstützt regional, national und international die Entwicklung
des Produktiven Lernens und fördert seine Vernetzung.
Produktives Lernen erfordert eine tiefgehende Veränderung
der Pädagog/inn/enrolle und des beruflichen Selbstverständnisses
der Pädagog/inn/en. Dies geschieht im Rahmen eines projektbegleitenden
Weiterbildungsstudiums am IPLE. Das Studium ist selbst
ein Projekt Produktiven Lernens: Die Arbeit der Pädagog/inn/en
ist deren produktive Tätigkeit, ihr informelles Lernen
und ihre Konzeptions- und Evaluationsaufgaben gehören zu
ihrem Lernen in der Praxis, die Standortberatung ist
Teil ihrer Bildungsberatung (auch wenn sie nicht immer
individuell ist), das Projektseminar ist ihre Kommunikationsgruppe
und ihr Briefstudium ihr fachbezogenes Lernen. |
Kosten
des Produktiven Lernens
Der Bildungsansatz des Produktiven Lernens ist weder
fachlich noch bildungspolitisch umstritten; umstritten sind
nur die Kosten, die Produktives Lernen in der Entwicklungsphase
verursacht. Produktives Lernen kostet in dieser drei-
bis vierjährigen Phase pro beteiligter Schülerin bzw.
beteiligtem Schüler und Schuljahr etwa 2.500 Euro mehr
als das reguläre Lernen in der Regelschule; diese Mehrkosten
entstehen hauptsächlich durch die Projektentwicklung vor
Ort, die intensive Weiterqualifizierung der beteiligten Pädagog/inn/en
und die Sachausstattung, die das selbständige, individuelle
Lernen erfordert. Die Mehrkosten werden in den laufenden Schulprojekten
vom Europäischen Sozialfonds getragen. Bei der Berechnung
der Kostenwirksamkeit des Produktiven Lernens muss jedoch
die Erfolgsquote des Bildungsgangs berücksichtigt werden.
Es hat sich gezeigt, dass sich die Investitionen der Entwicklungsphase
in wenigen Jahren amortisieren, weil erhebliche Kosten für
schulischen Misserfolg - Klassenwiederholungen und zusätzliche
Lehrgänge der Berufsorientierung und Berufsvorbereitung
- wegfallen. Eine vorsichtige Kalkulation des Instituts anhand
der Daten der Berliner Projekte hat ergeben, dass Produktives Lernen im Regelangebot pro Schüler/in
etwa 2.000 Euro spart. Diese Einsparungen durch Produktives
Lernen sind vom Kölner Forschungsinstitut für Bildungs-
und Sozialökonomie bestätigt worden.
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